Feldpostbriefe: Letzte Briefe des deutschen Soldaten August Willy Hagel an seine Familie, Ostfront 1943 (Veröffentlicht am 28.03.2025)
Zwischen dem 27.01. und dem 03.10.1943 schrieb August Willy Hagel von der Ostfront fünf Briefe an seine Familie, von denen hier der erste und der vierte veröffentlicht werden. Er fiel am Tag nach Verfassen des letzten dieser Briefe.
(Quelle: Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge, Letzte Lebenszeichen – Briefe aus dem Krieg (2010), S. 80 ff.):
Erster Brief an Ehefrau Lina und zum siebten Geburtstag seiner Tochter Eva
„Am 27.1.1943
Mein herzliebes Weib!
Am 21.1. erhielt ich Deine Briefe vom 31. und 4. Januar und danke Dir von Herzen dafür. Leider kam ich bisher nicht zum Antworten, denn wir stehen seit dem 22.1. im Kampf gegen Partisanen und russische Reiterei. Heute Vormittag ist es ein wenig ruhiger geworden und die Bomben allein können uns nicht stören. Wir haben schwere Tage hinter uns und unter Umständen noch schwerere vor uns. Wie es heißt, sind wir eingeschlossen. Heute Nachmittag soll nun ein Flugzeug eintreffen und da wollen wir die Post mitgeben.
Meine liebe Ly, ich habe alle Post vernichtet, nur Deinen Brief vom 31.12. habe ich bei mir in der Brusttasche und auf den will ich auch nur für heute eingehen und Dir darauf antworten. Du hast ihn am letzten Tag im alten Jahr geschrieben und viele Wünsche zum neuen an mich und für mich ausgesprochen. Ich weiß, dass es dir mit diesen vollkommen ernst ist und will mich nun auch Dir offenbaren.
Es kann sein, dass ich nicht mehr zu Euch komme und daher muss ich eingehend Inventur machen. Wenn ich nicht mehr sein sollte, dann behaltet mich bitte im guten Angedenken und Du, liebes goldiges Mädel, heirate dann später, wenn Du eine Gelegenheit dazu hast, aber nimm Dir nur einen guten Vater für unsere Kinder. Ob ich einer gewesen bin, das kann ich nicht sagen, jedoch habe ich mich redlich bemüht, ein guter Ehemann und Vater zu sein und noch ein besserer zu werden. Sollte mir das nicht mehr vergönnt sein, dann hat das Schicksal es eben anders gewollt und ich und Ihr, wir müssen uns dem beugen. Eine Bitte habe ich noch! Verzweifle nicht um die Zukunft und verliere der Kinder wegen nur nicht den Kopf! Zum Sterben habt Ihr später, sollte es nicht anders gehen, dann immer noch Zeit und Gelegenheit. Und wenn Du mir danken willst, dann tust Du es, indem du stark und gläubig bleibst und den Kindern die Zukunft erschließt und erhältst und über sie wachst. Das ist mein einziger und letzter Wunsch und den musst Du mir noch erfüllen. Ich erwarte es von Dir, denn für Euch bin ich von Euch gegangen und nur deshalb gegangen, damit Ihr weiterleben könnt und sollt. Meine letzten Gedanken werden bei Euch weilen und sollte ich es können, dann werde ich später über Euch wachen.
Du hast meine ganze Liebe und mein Vertrauen und wirst mich nicht enttäuschen. Das weiß ich und darum sehe ich der Zukunft ruhig entgegen.
Du wirst nun sagen, ich habe eine Dummheit mit meiner Ablösung gemacht. Es ist nicht der Fall! Die Front ist jetzt überall. Es gibt in diesem Winter keine Unterschiede in der Truppe und im Alter. Es muss auch der letzte Mann heran. Was hier vor sich geht, das erfahrt Ihr aus Zeitung und Radio, nur ist es noch ein wenig schlimmer. Es steht eine Übermacht vor uns an der ganzen Front, wie es niemand vorausgesehen hat und erwarten konnte. Es liegt nun niemand im Hinterland und unbeschäftigt da, sondern steht mit der Waffe dem Gegner gegenüber. Da steht der kinderreiche alte Vater neben dem 18-jährigen Jungen und der OT-Mann [Organisation Todt, die Bautruppe] neben dem Arbeitsdienst und neben dem Eisenbahner und alle wehren die einbrechende rote Flut ab.
Wir haben hier dauernd unbeständiges Wetter. Vorgestern taute es und über Nacht wieder eine Kälte um 40 Grad herum. Die Stiefel sind nass und nun gefroren. Die ganze Nacht nicht geschlafen. Zuerst waren es die Partisanen und dann sind wir Streife gelaufen. Dann Partisanen von außerhalb der Stadt und hinterher Truppen. Nun haben wir mit vielen Opfern die Straße in der Mitte freigemacht und halten uns in der Igelstellung. Vor unserer Stellung liegen hunderte Tote, Männer, Frauen und Kinder. Da muss man hart sein. Wer sich auf der Straße oder in den Häusern zeigt, verliert sein Leben. Vorgestern bin ich 20 km mit 3 Autos weiter raus, um von außerhalb der Stadt den Angriff vorzutragen. Mit dieser Taktik kommen sie Schritt für Schritt und Haus für Haus weiter vor und wir verlieren immer mehr an Bewegungsfreiheit. In zwei Tagen sollen Panzertruppen von uns eintreffen und bis dahin müssen wir uns halten. Unsere Verluste sind zum größten Glück bis heute noch sehr gering, doch werfen sich die Flieger immer besser auf uns ein. Immer wieder müssen wir uns und Soldaten ausbuddeln und die Bergung sichern. Geschütze haben beide Parteien nicht und die Granatwerfer wirken auf feste Häuser fast nicht.
Evi hat heute ihren Geburtstag und Ihr werdet wohl alle am Tisch sitzen und feiern. Ich kann es leider nicht, denke aber auch daran. Wie doch die Zeit vergeht! Als ich von Euch ging, war sie so alt wie Huschi und nun ist sie schon zwei Jahre weiter. Nun, mein liebes Mädel, nochmals Dir und den Kindern für die Zukunft alles Gute und behaltet mich im guten Angedenken. Lebt alle recht wohl und tapfer bis zum Letzten. Viele Grüße und Küsse Euch allen und vielen Dank Dir, liebe Lina, für Deine Sorge und Liebe
immer Euer Papa“
Vierter Brief von August Willy Hagel an seine Familie
„Am Sonntag, den 12.9.1943 – 9:00 Uhr
Mein herzallerliebstes Mädel!
Du armes Weib, hast nun gewiss eine bange Zeit ohne Nachricht von mir durchgemacht. Leider war ich am Schreiben verhindert und nehme mir in einer Ruhestunde mit aller Gewalt die Zeit dazu, weiß jedoch nicht, wann der Brief abgehen wird. Es geht hier alles drunter und drüber. Doch alles der Reihe nach!
Am letzten Sonntag um 3:00 [Uhr] morgens wurden wir abkommandiert und besetzten unseren Ortsausgang gegen durchgebrochene Kräfte. Tagsüber geschanzt, abends Feindberührung. Am nächsten Morgen Angriff der Russen bis zur Dunkelheit. Abends setzten wir uns ab und griffen am Dienstag früh selbst an. 5 km Geländegewinne. Nachts Absetzung und unter starkem Feuer und Druck in eine neue Stellung. Mittwoch tagsüber schwerer Kampf mit Gegenangriff und dann abends wieder Absetzung vom Gegner. Am Donnerstag bis 9:00 [Uhr] ganz ruhig wie auch in der verflossenen Nacht. Dann aber ging es kunterbunt und lustig zu. Trommelfeuer, Panzer, Flieger in rauen Mengen. Verluste hoch. Dann griff der Russe um 10:00 [Uhr] an, und zwar von beiden Seiten von uns aus und nach 15 Minuten auch bei uns. Die Flügel von uns waren bereits in voller Flucht und wir bemerkten es nicht. Also waren wir weit vor und standen vor der Abschirmung. Nun nichts anderes als schnellstens nach hinten absetzen. Wir wurden redlich Maß genommen und es wurde uns nichts geschenkt. Die Russen standen an beiden Seiten und wir mussten mittendurch. Die haben auf uns bis auf 100 m wie auf Hasen geschossen. Es kann sich niemand diese Lage vorstellen!
Hinter uns, an beiden Seiten und schräg vor uns russische Infanterie, zwischen uns schlagen die Artilleriegeschosse, Infanteriekugeln, Bomben und Bordwaffen ein. Der Himmel hängt voller Flugzeuge. Tanks sind schon vor uns und knallen von vorne. Wir über Berg und Tal, durch Wald, Acker, Wiese, Sumpf, Wasser, Getreidefelder durch und um unser Leben gekämpft. 5 mal bin ich durch Panzersperren durch und noch mehr Mal[e] war ich am Boden und habe für Minuten keine Kraft gehabt und wollte liegen bleiben. Dann aber schnell ein Gebet und schon ging es einige 100 m weiter, bis der nächste Zusammenbruch kam. Zwei Tage vorher nichts gegessen, heißer Tag und riesiger Durst. Sumpfwasser getrunken. Alles Entbehrliche weggeworfen und dann um 15 Uhr war ich endlich dem Feuer und den Tanks entronnen und am rechten Rand unserer noch stehenden Front angekommen.
Dort übernahmen wir letzten 6 Mann den Infanterieschutz einer Batterie. Die kam dann in Kampf mit 8 Panzern. 6 wurden getroffen u. einer traf die letzte von unseren drei Kanonen. Ich fuhr dann mit den Verwundeten mit zum Verbandsplatz, habe dort geschlafen und bin am Freitag allein losmarschiert. Ich traf dann noch den Arzt und 5 Mann von uns und nun suchen wir den Rest unserer Truppe. Von 300 waren vor dem letzten Angriff noch 47 in Stellung. Was heute noch da ist, wird weniger sein. Meine Feuertaufe war also über alle Maßen gut und reichlich. Habe mich wacker gehalten und EK [Eisernes Kreuz] und evtl. Sturmabzeichen sind mir sicher. Kommandeur hat mich gelobt und mir die Hand gedrückt. Soll wieder Spieß werden beim F.A.B [Feld-Ausbildungs-Bataillon]. Viele Kameraden tot, die Verwundeten gefangen (Fußverletzte). Die Lage ist noch ungeklärt und scheinbar stößt der Russe weiter schnell vor. Seit gestern Abend Regen u. Wege grundlos. Ich lief bereits über 50 km. Neue Stiefel. Ein Paar Strümpfe als Eigentum u. die Kleinigkeiten in der Kartentasche ist alles, was ich habe. Tornister verbrannt, Kleiderbeutel, Decke, Stahlhelm, Gasmaske, Feldflasche verloren.
Nun tausend herzliche Grüße und Küsse allen von Eurem Papa.“
August Willy Hagel wurde am 17.05.1906 in Kindschen, Kreis Tilsit/Ostpreußen, geboren, er fiel am 04.10.1943 im Raum Pekari, 20 km südlich von Kanew/Ukraine. Anfänglich auf dem Soldatenfriedhof in Babitschi bestattet, hat ihn der Volksbund im November 2007 auf den deutschen Soldatenfriedhof in Kiew umgebettet.
(Titelfoto: Titelfoto:
Platte auf einem „Kameradengrab“
auf dem Soldatenfriedhof Kastel bei Saarburg, September 2024)
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