Gedanken zum Krieg: Otl Aicher, „das verseuchte denken“ (Veröffentlicht am 07.03.2025)

Überaus lesenswert und lehrreich sind – nicht zuletzt wegen ihres zunehmend wieder aktuell werdenden Bezugs – Berichte derjenigen, die als Kriegs- und Regimegegner zum Wehrdienst und der Teilnahme am Krieg gezwungen wurden.

Herausragend ist dabei das Buch „innenseiten des kriegs“ von Otto „Otl“ Aicher aus dem Jahr 1985. Otl Aicher, geb. am 13.05.1922 in Ulm und gestorben am 01.09.1991 in Günzburg, war ein bedeutender deutscher Grafikdesigner. Er war verheiratet mit Inge Aicher-Scholl, der ältesten Schwester von Hans und Sophie Scholl, die als Mitglieder der Gruppe „Weiße Rose“ zum Widerstand gegen die nationalsozialistische Diktatur aufriefen und hierfür am 22.02.1943 hingerichtet wurden.

Otl Aicher wuchs in einem NS-kritischen Elternhaus auf und kam über eine Schulfreundschaft in Kontakt mit den Geschwistern Scholl. Als überzeugter Katholik weigerte er sich, der Hitlerjugend beizutreten und wurde deshalb 1937 inhaftiert und 1941 von der Teilnahme an den Abiturprüfungen ausgeschlossen. Im gleichen Jahr wurde Aicher zur Wehrmacht einberufen, die ihm angebotene Offizierslaufbahn schlug er aus. Aufgrund einer selbstbeigebrachten Verletzung an der Hand konnte er sich dem Kriegsdienst für eine Weile entziehen, wurde dann aber dennoch eingezogen und an die Ostfront geschickt. Er desertierte Anfang 1945 und versteckte sich erfolgreich bis zum Kriegsende.

Im Jahr 1985 veröffentlichte er sein – durchweg in Kleinbuchstaben verfasstes – Buch „innenseiten des kriegs“, in dem er in schonungsloser Offenheit seine Erfahrungen mit dem Militär, dem Krieg und dem damaligen gesellschaftlichen Zeitgeist beschreibt.

Einige Auszüge daraus sollen hier zur Erinnerung und als Denkanstoß wiedergegeben werden.

In dem Kapitel „das verseuchte denken“ sinniert Otl Aicher über die Bedeutung des Glaubens an die Naturwissenschaft und der Übertragung der Spielregeln der Natur auf die Zivilisation und Kultur des Menschen als Ursachen des faschistischen Denkens der 1930er und 1940er Jahre (Quelle: Otl Aicher, „innenseiten des kriegs“ [1985], S. 21 ff.):

 

das verseuchte denken

der faschismus war eine populär-radikale konsequenz des naturwissenschaftlichen zeitalters. der faschismus war die überwindung der metaphysik zugunsten einer naturwissenschaftlichen erklärung der welt. wie die moderne biologie das leben erklärt hatte, wie es spencer und darwin als weltprinzip beschrieben hatten, als motor der entwicklungsgeschichte, sollte es auch unter menschen sein: der kampf ums dasein, das recht des stärkeren, der sieg der auslese sollten in der gesellschaft ebenso verwirklicht werden, wie sie in der natur wirksam sind. der faschismus ist weder tierisch noch eine teufelei, er ist ein mit deutscher gründlichkeit aufgemachter sozialdarwinismus.

es ist einfach nicht wahr, daß die nazis ein plötzlicher ausbruch von etwas unvorhersehbarem, von etwas total anomalem gewesen wären. sie sind auf der höhe der zeit. sie setzen wissenschaft, den letzten stand der wissenschaft, in politik um. sie sind techniker des zeitgeistes.

es ist einfach nicht wahr, daß zuchtwahl und ausrottung als prinzip der entfaltung alles lebendigen aus heiterem deutschem himmel in ein parteiprogramm herabgefallen sind. der biologismus, der die gehirne verdreht hatte, hatte sie überall verdreht.

ich lasse für mich nicht zu, daß man hitler als abseitigen verbrecher hinstellt, zu dessen handlungsantrieben kein rational vollziehbarer erklärungsweg führen würde. hitler ist so normal wie alle bösewichte, die im namen des fortschritts macht und profit verteidigt haben und damit die vernichtung des nicht lebenswerten lebens. es ist zu billig, den nazis all die verbrechen anzuhängen, die man selbst begangen hat, nur weil sie nie ein hehl daraus machten und ihre methoden jedermann hör- und sehbar hinstellten.

es ist im neunzehnten jahrhundert, es ist im namen des naturwissenschaftlichen denkens, aus überzeugung so grundsätzlich leben zertrampelt worden wie im dritten reich. und ich lasse es, wenigstens vor mir, nicht zu, die behandlung der juden als irrwahn der hölle darzustellen, wo alle, amerikaner, engländer, franzosen, spanier, portugiesen und russen mit schwarzen, roten und gelben völkern grausam genug umgegangen sind.

der unterschied ist, daß die nazis ihre verbrechen nicht hinter vorgehaltener hand, nicht versteckt unter dem deckmantel viktorianischer moral begangen haben, sondern als verkündeten ausweis eines neuen, wissenschaftlichen weltverhaltens. nach ihm hat das arme und schwache zu fallen als notwendige auswahl des höheren und besseren. jeder dollarmillionär glaubt heute noch an dieselben philosophen des fortschritts und der höherentwicklung, des kampfes und des sieges über die schwächeren. er würde das nie zugeben und braucht es auch nicht, denn es entzieht sich seiner persönlichen anschauung. er überläßt es der selbstwirkungskraft des geldes, klarheiten zu schaffen, auch wenn er im engeren kreis noch so tolerant und mitfühlend ist.

mag sein, daß weniger indianer erledigt wurden als juden, sicher ist, die aufforderung zu killen war nicht die Verordnung einer staatsmaschinerie, sie geschah aufgrund einer als wissenschaftliche erkenntnis verbreiteten überzeugung. wird sie legitim, indem man sie dem privaten ansporn und der privaten nutzanwendung überließ? das neue an hitler ist, daß er dieses problem mit sozialtechnik von sozialingenieuren lösen ließ und dazu tötungsmaschinerien neuer art schuf, die den aufwand von kriegen fast ersparen konnte.

selbst einem amerikaner, der sich für aufgeklärt halten mag, gilt noch heute der reiche erfolgreich durch seine leistung, der arme erbärmlich durch sein versagen. armenfürsorge ist ein eingriff in naturgesetze, gleiche chancen in der bildung, im beruf ist eine den fortschritt, die auswahl hemmende störung des sozialen kampfes um das überleben der besseren. die macht des weißen ruht nicht auf kugeln und kapital, sondern auf der auszeichnung durch die geschichte, die nichts anderes war und ist als ein kampf ums dasein.

frieden? frieden kommt in der natur nicht vor. nur schwächlinge, feiglinge, die nicht kämpfen können, wimmern nach frieden.

wer oben steht, darf sich als produkt der auslese des tüchtigen verstehen.

ich möchte wissen, was ist ein faschist? und deshalb lasse ich mir ungern die wege zu rationalen einsichten verstellen, indem man die ganze sache verteufelt, möglicherweise aus eigenem schutzinteresse.

ich möchte auf die nazis nicht moralisch-emotional reagieren. und ich möchte auch meinen erkenntnisdrang nicht absperren oder umleiten lassen, indem ich mich auf emotionen umpolen lasse. ich möchte es wissen. und dazu brauche ich die einsicht, daß es hier sicher unterschiede gibt in den methoden der ausrottung, unterdrückung und knebelung, wohl aber nicht im anspruch nach beherrschung.

hier sitzt mehr auf der anklagebank als der schwachsinn und die verbrechen der nazis. hier sitzt der glaube eines neuen zeitalters auf der anklagebank, der glaube an die naturwissenschaft und die übertragung der spielregeln der natur auf die gesetze und verhaltensnormen der menschlichen zivilisation und kultur.

hier sitzt der glaube auf der anklagebank, daß natur und kultur identisch seien.

und dieser glaube, der glaube, daß der mensch ein sprechendes tier sei, ist gemeingut aller, die vorgeben, auf der höhe der zeit zu stehen.

wer wagt es denn, das zeitalter der vernunft, der aufklärung, der naturwissenschaft infrage zu stellen? wer wagt es denn, die gesellschaft aus kulturellen zielprojektionen heraus zu erklären statt aus vitalen antrieben? wer wagt es denn, wertsysteme als ebenso starke antriebe menschlichen verhaltens anzusehen wie biologisch erklärbare triebe und instinkte?

das zeitalter der vernunft war unbestritten eine der bedeutendsten kulturepochen der menschheit. aber ist das zeitalter der aufklärung nicht zu ende, sobald man die biologie über die soziologie und die kulturwissenschaften setzt? ist noch niemandem der zweifel gekommen, daß es zwischen bolschewistischen schauprozessen, deutschen gaskammern und amerikanischem erpressungswettbewerb einen zusammenhang gibt, ja daß es einen zusammenhang gibt zwischen den größten kriegen, die es in der weltgeschichte gegeben hat und der anerkennung der naturgesetze als letzte wahrheit?

und ganz beiläufig: warum sind es gerade ein carnegie, rockefeller, ein hitler, die soviel für kultur übrig hatten? ist nicht auch die öffentliche demonstration von kulturwillen, die bis zur U-bahn in moskau reicht, ein indiz für verdrängungswillen?

angeklagt ist eine intellektuelle seuche. hitler ist ihre ausgebildetste erscheinung.

wer aber ist ihr ankläger?

der wird sich so schnell nicht finden lassen. eigentlich müßten es die armen, schwachen, die elenden, die ausgestoßenen selber sein, die den vorhang herunterreißen. aber welche kirche steht nicht so im blut, daß sie auf die lehre ihres gründers verweisen könnte.

das christentum müßte die geschichte anders herum denken, nämlich von unten nach oben: der mensch offenbart sich in den schwachen, aber wo ist dieses christentum geblieben?

der mensch lebt weiterhin auf kosten des menschen. die sich erheben, stehen auf den leibern der erschlagenen. das ist nicht etwa nur eine bittere erfahrung, das ist nicht nur zu verstehen als lehre der geschichte, das ist nicht etwa nur eine realität, die man hinnehmen muß. das ist ein glaube, eine heilslehre, es ist das evangelium der neuzeit.

die neuzeit hat die erkenntnis freigelegt, daß jede natürliche erscheinung eine natürliche ursache haben muß, ja daß überhaupt jede erscheinung durch eine ursache ausgelöst wird, das war ein wichtiger schritt. das gesetz von ursache und wirkung hat nicht nur den erfolg der modernen naturwissenschaft ermöglicht und den erfolg der darauf beruhenden technik, die uns von den elementarteilchen der elementarteilchen bis in die weiten des kosmos vordringen läßt. dieses gesetz hat ebenso die teufel, die ideen, die formen, wesenheiten und metaphysischen ursachen und den lieben gott aus der erklärung der natur fortgenommen. das wirkliche entsteht durch wirklichkeiten.

das war ein epochaler fortschritt. leider aber auch ein trugschluß. es ist nicht wahr, daß das wirkliche durch wirkliches entsteht. das trifft sicher zu auf die erklärung der natur. aber der mensch, die menschliche gesellschaft, die menschliche kultur?

es gibt kausale ursachen, es gibt aber auch finale ursachen, zielvorstellungen. und im bereich der menschlichen kultur haben zielvorstellungen einen stellenwert wie in der natur die kausalität. wenn in der natur nichts ohne kausalität geschieht, so geschieht im menschlichen leben so gut wie nichts ohne projektion. das leben des menschen ist kein zwangsläufiger entwicklungsprozeß, sondern ein entwurf. es mag noch so viel im leben des menschen vorbestimmt sein im sinne biologischer daten, es bleibt trotzdem ein im hohen maße selbstgesteuerter prozeß, für den es einen plan, eine zielprojektion, eine erwartung gibt. der mensch ist kein biologisches, sondern ein kulturelles wesen, das heißt, seine antriebe sind nicht kausaler, sondern finaler art.

niemand sollte die bedeutung der naturwissenschaften auch nur um ein geringes schmälern wollen. das unheil liegt nicht in ihrer revolution des kausalen denkens. das verhängnis ist bis zum hinmorden von millionen von menschen die anwendung des naturwissenschaftlichen denkens auf die kultur. das kritisch-analytische aufspüren von kausalketten hat zu dem unheilvollen erfolg geführt, die welt nur noch als naturwissenschaftliches objekt zu verstehen, als entwicklungsprozeß im sinne einer kausalkette.

in wirklichkeit ist der mensch durch seine selbstbestimmung, durch seine eigene leistung, durch seinen eigenen willen, durch seine eigensteuerung ein außernatürliches wesen im sinne der kausalität. er sucht in seinem leben etwas, was es in den naturwesen nicht gibt, er sucht einen sinn. der mensch lebt nach der projektion, die er selbst von sich entwirft.

das ist der grund, warum ideen, formen, wesenheiten und gott in seinem denken eine so große rolle spielen. aber die, glaubte man, seien tot, zusammen mit der metaphysik endgültig aus dem korrekten denken entfernt. lediglich in der mathematik und in der logik mußte man dabei bleiben, daß man kausalitäten auch entwerfen kann. nur hier gibt es im denken den aspekt der freiheit, des spiels, der freien setzung. im übrigen ist die welt determiniert, mechanistisch, kausal, nur im gefolge der naturgesetze, nur durch zuchtwahl und den erfolg des stärkeren ist freiheit möglich. wer dachte, daß durch diese einbindung des menschen in naturprozesse die freiheit verlorenginge, mußte sich bald überraschen lassen. zwar verloren die von der natur angeblich ausgestoßenen, die naturgeschädigten, die biologisch minderwertigen bald alle freiheit, sie wurden zu sklaven der stärkeren und zu reinen ausbeutungsobjekten. dafür aber erhielten die neuen herren, die rassisch reinen, die stärkeren, die sieger im kampf ums dasein alle nur erdenklichen freiheiten, vorab die von der natur selbst proklamierte, die freiheit, die schwächeren auszurotten. die neuen herren erhielten die noch nie gewürdigte freiheit, neue ausrottungsverfahren zu erfinden, herren über krieg, mord und verelendung zu sein. und wie die deutschen sind, sie machen alles prinzipiell.

die nazis sind nicht vom himmel gefallen, sie sind nicht aus der hölle gestiegen. sie waren die konsequenten normalbürger der neuen zeit. sie unterschieden sich von den andern dadurch, daß sie sagten, was sie dachten und daß sie systematisch anpackten, was andere nach gelegenheiten taten. es brach ihnen nicht die zunge, wenn sie davon sprachen, andere ausrotten zu wollen. ausrottung war das natürlichste der natur.

auch der marxismus, im kern einer idealen projektion von einer klassenfreien gesellschaft verpflichtet, machte seine anleihen in der naturwissenschaftlichen mechanik der notwendigkeiten. die geschichte habe ihre zwangsläufigkeit und laufe ab in klassenkämpfen. das war nicht zu weit entfernt davon, im namen der gesetzmäßigkeit der geschichte über das leben von menschen beliebig zu verfügen. auch wenn es um eine brüderliche zukunft aller menschen geht, ist niemand, weder freund noch feind, vor den krallen des kampfes ums dasein abgesichert. im zweifelsfall weiß die geheimpolizei besser, was notwendigkeit der entwicklung ist, als jedes noch so hohe parteimitglied. aber immerhin steckt im marxismus eine geschichtsauffassung, die man dem christentum zugemutet hätte: die zukunft der geschichte gehört den kleinen, ausgebeuteten, verelendeten, ausgepowerten. die herren, die reichen, die starken, mächtigen, die sieger im kampf der natur werden fallen, nicht der starke wird den kampf ums dasein gewinnen, sondern wer arbeitet. und arbeit ist kein prinzip der natur.

wenn es aber so sein sollte, daß der stärkste der überlebende sein wird, dann übertraf die bestialität der blonden bestie alle, mußte alle übertreffen, aus prinzip. der zweitbeste der bestien ist bereits der verlierer.“

 

Das machtvollste Mittel gegen die Wiederholung der Geschichte sind Erinnerung und Gedenken.

 

(Titelfoto:
Vogel zwischen Grabkreuzen auf dem
amerikanischen Soldatenfriedhof Hamm/Luxemburg,
September 2024)

 

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